Prof. Matthias Beyrow schreibt regelmäßig für das Magazin ›form‹, das sich mit dem ›Making of Design‹ befasst.
Artikel: »WDC Helsinki 2012«
Anlass: Präsentation der ›World Design Capital Helsinki 2012‹
VÖ: Oktober 2010
And the winner is …: Helsinki, World Design Capital 2012! Nach Turin im Jahre 2008 und Seoul im Jahr 2010 ernannte das International Council of Societies of Industrial Design (ICSID) Helsinki zum Nachfolger. Warum ausgerechnet Helsinki? Wie konnte es dazu kommen und was zeichnet eine »Weltdesignhauptstadt« eigentlich aus? Die FORM schaut hin und befragt den bei der Bewerbung inhaltlich und gestalterisch involvierten Designer Teemu Suviala vom Büro Kokoro & Moi – natürlich aus Helsinki.
WDC?
Die Mission klingt zunächst wenig mitreissend: Das Projekt »World Design Capital«, kurz WDC, ist vereinfacht ausgedrückt die Präsentation von Design und seinen Effekten auf den städtischen Raum sowie die dortigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gefüge. Der Titel »WDC« kann als international strahlendes Aushängeschild verstanden werden, das den Städten eine Sichtbarkeit als Kreativstandort bietet. Eine Mischung also aus branchenbezogener Wirtschaftsförderung und Strukturentwicklung. Dass Helsinki diesen Titel im Jahr 2012 zu Markte tragen darf, gründet sich im Wesentlichen auf ein 348 Seiten schweres Bewerbungspapier. Hierin erfahren wir – neben einer Menge organisatorischer Details – von der tiefen Verwurzelung des Designs mit der finnischen Kultur, lesen von einem regelrechten Design-District in Helsinki mit Ateliers, Läden und Galerien, staunen über eine enorme Infrastruktur von Museen und Hochschulen und lernen namentlich jeden im Großraum Helsinki praktizierenden Designer, Innenarchitekten und Architekten kennen, was auch ein bisschen sympathisch ist. Und wir schämen uns ein wenig, dass uns zuvor höchstens Alvar Aalto zu finnischem Design eingefallen wäre.
Embedded Dings
Teemu Suviala betreibt sein siebenköpfiges Atelier Kokoro & Moi seit 2001 ebenfalls in Helsinki. Er schätzt die ortstypische Offenheit, und dass er dort ohne großen Aufwand Gesprächsrunden, Feste und Kunstprojekte initiieren kann. So bringt er sprichwörtlich programmatisch Leute zusammen, die nicht originär aus dem Design kommen. Das erzeugt Neues, Ungesehenes … eine »Fusion« eben.
Fusion ist einer der zentralen Gedanken, mit denen sich die Stadt Helsinki um die WDC-Trophäe beworben hat. Gemeint ist der gelebte und kultivierte Dialog zwischen Verwaltung und Bürgern, welcher ursächlich für angemessenere Ergebnisse im Public- und Service-Design sei. Helsinki nennt das »Embedding Design in Life« und verrät, dass hierin auch der Grund für die hohe öffentliche Akzeptanz von Design und Designthemen liege. Die Designwirtschaft werde hier als Motor der Stadtentwicklung und als Garant für urbane Lebensqualität erlebt: Respekt und Akzeptanz als Frucht der Beteiligung.
1+1=3
Für die Designer von Kokoro & Moi ist dieser Fusionsgedanke ebenfalls essenziell. Schon der Name Kokoro [jap.: Herz, Seele, Geist] und Moi [fin.: Hallo] spricht Bände. Sie kommen aus unterschiedlichen Hochschulen Finnlands und nennen ihr treibendes Prinzip 1+1=3. Sie verstehen sich als Erzeuger des Neuen durch Neukombination von Bekanntem – und haben großen Erfolg dabei. Ihre Referenzen lesen sich beeindruckend: Nokia aus der Nachbarschaft, Sony, Toyota sowie namenhafte Institutionen des kulturellen und öffentlichen Lebens in Finnland. Auch der Auftritt Helsinkis als World Design Capital kommt aus dem Atelier von Teemu Suviala. Die Grundbotschaft des Corporate Designs der WDC2012 beschreibt er mit »Offenheit«. Denn alle sollen Mitmachen: Kinder, Studenten, Nicht-Designer. Die Idee ist, ein Corporate Design zu installieren, das niemals fertig ist und sich ständig weiterentwickelt. Dies soll die Idee von Design als steten Prozess illustrieren. Syntaktisch soll das mittels einer Montage unterschiedlicher organischer wie geometrischer, gegenständlicher wie abstrakter, naiver wie konkreter Formen gelingen, die in bullerbüesker Farbigkeit im Hintergrund der Medien wabern. Die Elemente seiner Gestaltung will Teemu durchaus als universelle Repräsentanten des finnischen Design verstanden wissen: Man könne die Hinweise auf Purismus und Minimalismus ebenso wahrnehmen wie die Zitate organischer Formen und die ungezwungene Farbigkeit. In der Tat, fühlt man sich formal zu Hause, sobald man schon mal bei IKEA war – auch wenn der Vergleich geographisch daneben liegt.
Rezept statt Konzept?
Diese Art des Umgangs mit visuellen Mustern scheint nicht nur finnlandtypisch zu sein, sondern offenbart auch eine gewisse Gestaltungspräferenz bei Kokoro & Moi: So ist das WDC-Projekt nicht das einzige im Portfolio der Designer, das auf Hintergründe mit rhythmischen Mustern, Strukturen und Illustrationen setzt, welche von Typografie ignorant überschrieben werden. Also alles nur zeitgenössische Masche? Teemu begründet die Entscheidung vielmehr als konstruktive Methode im Umgang mit strikten Designregeln. Denn auch bei der WDC stand das kreisförmige Logo selbst nicht zur Disposition – die Gestaltungsoption lag allein in der Inszenierung des Drumherum.
Politik allenthalben
Ohne der Veranstaltung Unrecht tun zu wollen: Bei der WDC handelt es sich unterm Strich um eine strukturpolitische Maßnahme, deren positive Effekte man Helsinki herzlich gönnen darf. Die Haltung zum Design, die in Helsinki gelebt wird, ist nicht minder politisch. Viele Bereiche des Lebens scheinen die Arbeitsweise von Designern als Methode adaptiert zu haben und machen auch vor der Gestaltung selbst nicht halt. Teemu deutet die Konsequenz des kunterbunten Miteinanders an: Professionelle Gestalter werden angesichts der jedermann zugänglichen Werkzeuge immer unwichtiger. Also: Design kann irgendwie jeder, wir Designer dürfen vielleicht mitmachen und können noch eine Menge dabei lernen. Vorher gehen wir aber noch mal feiern. Und zwar in Helsinki.
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letzte Änderung: 9.2.2012 | anmelden